Envoria ist ein unwichtiges Land, ziemlich weit weg von hier. Aus einer Laune eines nicht näher zu bezeichnenden Gottes heraus gab dieser den ersten Envorianern ein Rollenspiel-Regelwerk statt einer Bibel in die Hand. Später bereute es dieser Gott unheimlich, als ein mit allen Artefakten ausgestatteter Powergamer auf Level 64,7 den Göttern richtig gefährlich wurde. Aus dieser Zeit ist eine Geschichte überliefert, die wir hier wiedergeben wollen.
Die Sonne stieg auf im Königreiche Envoria. Und weil sie Gewerkschaftsmitglied war, tat sie dies bedächtig. Während also die Sonnenstrahlen langsam über das Land krochen, machten sie hie und da ein Nickerchen. Aus der Laune eines unwahrscheinlichen Zufalls heraus blieb dadurch auch die Fahrrille unbeleuchtet, die ein Schiff der »Dämlichen enVorianischen Union« – kurz: DVU – benutzen wollte, um eine brennende Burg zu erobern. Sie kamen aber ob der Dunkelheit, in der sie sich verirrt hatten, nicht bis zur Brandburg. Stattdessen trafen sie auf eine Klippe und legten ihr Schiff 4 Meter tiefer, bis hinab auf den Grund. Die meisten Bewohner der brennenden Burg fanden das auch ganz gut so, klopften den verschlafenen Sonnenstrahlen auf den Rücken und gingen über zum Tagesgeschäft.
Ganz im Gegensatz dazu stand die betriebsame Hektik innerhalb der Mauern des königlichen Schlosses von Envoria. Dort schritten und hüpften Logan der Graue und der Narr durch die Gänge, wobei es die Rolle des Magiers war, zu schreiten. Der königliche Narr hingegen hüpfte aus zweierlei Gründen neben seinem alten Freund und politischen Weggefährten einher: Zum einen hatte er bei der Charaktererschaffung nicht sämtliche Punkte in den Geistesbereich legen müssen, so dass er gerne mit seinen körperlichen Attributen (wie Wendigkeit und dergleichen) beeindruckte. Und zum anderen hatte er bei der Erwürfelung der Körpergröße im wahrsten Sinne des Wortes den Kürzeren gezogen, so dass ihm gar nichts anderes übrig blieb, um mit den langen Schritten seines Haus- und Hofmagiers Schritt zu halten.
»Sag mir nochmal, Logan: Warum machen wir das? Diese Demo… äh… Demonstratie.«
»Die Demokratie, meinst du? Na, damit das Volk dich zum König wählen kann«, erklärte der alte Zauberer frohen Mutes.
»Aber ich bin doch schon König!« Trotzig stampfte der närrische Usurpator mit den Füßen auf. »Ich hab doch nicht den alten König über den Balkon gestoßen, nur damit man mich jetzt abwählt.«
Aprubt blieb Logan der Graue stehen. Dieser Halt kam für den königlichen Narr so überraschend, dass er noch zwei Schritte weiterhüpfte und dabei die Schellen an seiner Narrenkappe böse klingeln ließ.
»Mein junger Freund!« Tadelnd erhob der alte Magier einen gichtgekrümmten Finger und zog dabei eine Augenbraue von der Farbe einen alten Gletschers nach oben. »Die Zeiten sind vorbei, auch wir müssen mit der Zeit gehen. Und da ist nun mal grade die Demokratie in Mode, also lassen wir dich ordnungsgemäß vom Volk wählen. Danach kann auch niemand mehr behaupten, du wärst ein Tyrann – es hat dich dann ja jeder gewählt.«
»Und wenn Sie mich nicht wählen?«
Des Narren Frage beantwortete ein zuerst dröhnendes, später in keuchhustenartiges Gehuste übergehendes Lachen. »Mach dich nicht lächerlich, als ob es wichtig wäre, was auf dem Zettel steht…«
Schweigend gingen sie eine Weile weiter. Als sie um eine Ecke bogen, hakte ihre närrische Exzellenz nach: »Und was passiert dann mit den Zetteln?«
Darüber musste auch Logan erst einen Moment nachdenken. Nachdenklich zwirbelte er eine Bartlocke von der Farbe alten Schnees um einen zittrigen Finger. »Ich vermute mal…«, begann er seine Erklärung, legte dann aber eine rhetorische Pause ein.
Die Zeit verging. Irgendwo im Hintergrund wehte der Wind heruntergefallenes Herbstlaub durch die Gänge des königlichen Schlosses. Schließlich stupste der königliche Narr seinen alten und eingeschlafenen Freund unsanft in die Rippen. »Was ist jetzt mit den Zetteln?«
Mit einer knöchrigen Hand winkte Logan ab. »Der nächste Winter wird bestimmt hart.«
Einen Moment lang schwiegen sie und sonnten sich im Glanze ihrer höchst demokratischen Einstellung, dann blickten sie zu dem Haufen Herbstlaub neben ihren Füßen.
»Wie kommen eigentlich die Blätter ins Schloß?«, wollte Logan wissen. »Wo steckt denn der Haushofmeister? Sollte der das nicht zusammenfegen?«
Der Narr zuckte mit den dünnen Schultern. »Der ist wohl noch damit beschäftigt, die Wahlergebnisse an die Mauer des Burghofs zu schlagen.«
Ein kurzer, scharfer und irgendwie asthmatisch klingender Atemzug entfuhr dem alternden Magus. »Aber doch nicht schon vor der Wahl!«, rief er tadelnd und eilte flugs nach draußen, um größeres Unheil abzuwenden. An dieser Stelle sei dem geneigten Leser erklärt, dass »flugs« bei Männern in Logans Alter irgendwo zwischen der Geschwindigkeit, mit der SPD-Politiker ihre Fehler einsehen, und Kontinentaldrift liegt.
Gefühlte Äonen später standen sie also im Hof inmitten einer Menschenmenge, die dem Haushofmeister belustigt bei seinem Versuch zusah, die Tafeln mit den Ergebnissen anzuschlagen. Wann immer der Haushofmeister seinen Hammer auf einen Nagel niedersausen ließ, prallte der Hammer zurück und warf den armen Kerl rückwärts um, der daraufhin beim nächsten Mal noch stärker ausholte, woraufhin er noch weiter zurückfiel, weswegen er noch stärker…
»Ah!« Ein Anflug äußerster Belustigung machte sich in Logans Gesicht breit – zumindest an den Stellen, an denen er zwischen den Falten durchkam. »Du hast ihm den Gummihammer gegeben.«
Begeistert klatschte der Narr in die Hände und ließ die Narrenschellen seiner Klappe den Ton “Schadenfreude #3” wiedergeben. »Oh ja, 100 % Gummi, 200 % flexibel, 300 % Spaß.«
»Da haben wir aber nochmal Glück gehabt«, erklärte Logan später, als sie nach der Wahl zum Thronsaal zurückkehrten, »dass die Wahlergebnisse nicht vor der Wahl schon veröffentlicht wurden.«
»Was hätten wir denn getan, falls doch?«
Erneut zwirbelte Logan der Graue seinen gleichfalls gefärbten Bart und versank in tiefes Brüten, bis er schließlich einen Geistesblitz hatte.
Nachdem ihn der Blitz getroffen hatte, stand er auf, klopfte sich den Staub von der Kleidung und sagte: »Dann hätten wir eben gesagt, es wäre eine Hochrechnung gewesen. Und im Ernstfall wäre dieser Vogel da drüben schuld gewesen.« Ein anklagender Finger richtete sich auf einen kleinen Spatz, der sofort und erschrocken das Zwitschern einstellte.
»Na gut, das klingt… irgendwie… vernünftig. Aber warum musste ich auf einem toten Wal reiten?«
Zur Beantwortung dieser Frage griff der alte Magus in seinen Hut und holte die Kristallkugel hervor, mit der er seit kurzem auch digitalen Satellitenempfang hatte.
»Nach der Wahl muss man eine Runde auf einem Elefanten drehen – das hab ich hier in der Kugel gesehen.«
Der Narr kratzte sich am stoppeligen Kinn. »Eine Elefantenrunde? Dieses Demokratie-Zeugs ist wirklich komisch… Aber warum saß ich dann auf einem Wal?«
Logan machte den Ansatz eines Schulterzuckens, bevor er schließlich erklärte: »Ich konnte grade keinen Elefanten finden, und schließlich: großes graues Tier ist großes graues Tier.«
Die Logik dieser Antwort befriedigte die königliche Narrheit, die schließlich nur noch eine Frage hatte: »Wo steckt eigentlich die gewählte Opposition?«
Logan zeigte mit einem Daumen hinter sich: »Draußen, im Burggraben, bei den anderen… äh… grünen Hüpfdingern. Wo die rumquaken, spielt schließlich keine Rolle.«

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