2009 30.11.
Leben

Gestern musste ich erstaunt feststellen, dass schon der 1. Advent ist. Irgendwie hat mich das völlig unvorbereitet getroffen – obwohl ich die Anzeichen wahrlich hätte sehen müssen, würde ich nicht meistens völlig blind durchs Leben gehen.

Adventskalender wären ein Anfang. Wenn schon nicht die Schokoweihnachtsmänner beim Discounter (von denen ich glaube, dass sie schon kurz nach Ostern dort in die Regale eingezogen sind), dann doch wenigstens der Schoko-Adventskalender in meinem Büro. Der hätte mir ein Hinweis darauf sein sollen, dass nun wieder DIESE ZEIT – nämlich die heuchlerische Zeit – bevorsteht.

Den Kalender hat mir eine der Firmen zugeschickt, mit denen wir zusammenarbeiten – genauer gesagt haben wir eine »Business Intelligence«-Lösung dort eingekauft, die wir größtenteils ohnehin selbst neu gestrickt haben, ohne die Vorgaben zu übernehmen. Was das jetzt mit Weihnachten zu tun hat? Ich weiß es nicht, das müssen sie die Firma fragen, die mir das Ding geschickt hat – zusammen mit den in dieser Zeit üblichen Glückwünschen (den guten Rutsch nicht zu vergessen, obwohl ich zum Jahreswechsel noch nie auf einer Rutsche gesessen bin 1).

Mir geht es da noch verhältnismäßig gut, von Kalendern und Karten weiterer Unternehmen bin ich bisher verschont geblieben. (Sie sollten mal die »Ausbeute «beim Kollegen am Ende des Flurs sehen – ein Jammertal!)

Der wirkliche Katzenjammer daran ist aber der, dass alle diese Karten und Glückwünschen uns etwas vorgaukeln sollen und wollen, dass so gar nicht existiert: die Vorweihnachtszeit als Zeit der Besinnung. Besinnung? Dass ich nicht lache! Besinnungsloser Kommerz – nun, das wäre eine gar vortreffliche Beschreibung, mit der ich mich anzufreunden wüsste. Denn geht es nicht zunehmend darum? Sich dem hemmungslosen Kommerz hinzugeben, das Geld auszugeben und mit vollen Händen aus dem Fenster zu werfen, dass es eine wahre Pracht ist? Für den Einzelhandel, aber auch die Online- und Offline-Versandhäuser wird es auch wieder eine wahre Pracht werden. (Quelle einmal ausgenommen.)

Gerade an den Adventskalendern merkt man doch, was zunehmend im Mittelpunkt steht: Geschenke. Konsum. Wer das nicht glaubt, soll sich mal verdeutlichen, welche Arten von Adventskalendern es zwischenzeitlich gibt – zum Beispiel welche, die Playmobil- oder Lego-Teile enthalten. (Ich bezweilfe, dass es sich dabei nur um ein Legoteil mit 24 Teilen handelt, dass am Ende zusammengesetzt werden darf – eher wahrscheinlich sind 24 kleine und größere Modelle.) Im Vergleich dazu erscheinen die Schokokalender nur noch halb so dekadent.

Vielleicht bin ich inzwischen auch ein alter Sack nicht mehr der Jüngste, aber ich erinnere mich noch an die frühen Adventskalender meiner Jugend: Dort gab es bunte Bilder hinter den Türen zu entdecken, sonst nichts. Später versteckten sich die bunten Bilder noch hinter kleinen Schokoteilchen. Die alleine hätten aber nicht gereicht, denn die Schokolade war jeden Tag gleich – allein die Form und die Bilder dahinter sorgten noch für ein wenig Abwechslung. Die Luxus-Ausführung mit Schokolade, die ich hier stehen habe, hat keine Bilder mehr darin: nur noch Schokolade. Eine Reduktion auf das Wesentliche, könnte man sagen. Immerhin sind vorne drauf noch 3 Bilder zu sehen (sie zeigen Christbaumkugeln oder Blumen im Schnee).

Ich bin ganz froh, dass mein kleiner Sohn noch viel zu jung ist für Schoko in seinem Adventskalender. Er hat einen bekommen, den wir vermutlich ein paar Jahre hintereinander nehmen können: Hinter jedem Türchen verbirgt sich ein kleines Büchchen mit einer kurzen Geschichte. Das hat den großen Vorteil, dass es sich nicht aufkonsumiert; außerdem kann man es ihm vorlesen (zumindest am Anfang, bis er es später mal selbst lesen kann), und er kann die Bilder mitgucken. Das ist noch was für den Geist und die ganze Familie: Zeit und Gelegenheit, etwas zusammen zu machen, und wenn es nur das Lesen einer kurzen Geschichte ist. (Das ist mehr Aufmerksamkeit für die Kleinen, als das vernaschen eines Schokoteils – und Aufmerksamkeit ist wichtiger als Schokolade.)

Gerade das sollte doch in einer Zeit der Besinnung im Vordergrund stehen: dass man die Hektik abstreift, sich besinnt auf das Wesentliche und Wichtige. Völlig absurg natürlich in der heutigen Zeit, wo man als Lohnsklave[?] gerade zum Jahresende hin mehr als genug um die Ohren hat. Aber wäre es nicht schon deshalb wichtig, dass wir uns rückbesinnen auf die wichtigen Werte? Auf die Menschen und die Dinge, die uns wirklich wichtig sind im Leben.

Advent heißt ja – und der gebildete Leser weiß das natürlich – “Ankunft”. Eigentlich war der Advent dafür gedacht, sich auf die Ankunft Jesu vorzubereiten. Ich bin gerne geneigt, die Religion mal außen vor zu lassen (als nicht sehr gläubiger Mensch ist mir das ein Leichtes). Aber die Zeit der Ankunft sollte man doch tatsächlich damit verbringen, sich vorzubereiten. Wenn schon nicht auf die Ankunft eines Gotteskindes, so doch auf die Ankunft eines neuen Jahres, das wieder Entbehrungen bringen wird: für einen selbst, aber auch für Freunde und Familie. Auch nächstes Jahr werden wir wieder einigen Leuten auf die Füße treten (wie das so ist im Leben), werden uns selbst verbiegen (obwohl wir es nicht wollten, aber es wird sich nicht immer vermeiden lassen), werden Dinge tun, die wir besser nicht getan, Dinge unterlassen, die wir besser getan hätten. Wir werden enttäuschen und enttäuscht werden.

Vielleicht sollten wir diese besinnliche Zeit dazu nutzen, uns schon mal geistig darauf einzustellen. Und uns bei den Leuten zu entschuldigen, die wir dieses Jahr schon genervt haben. Wenn wir schon dabei sind, könnten wir auch gleich im Geiste jenen verzeihen, die uns verärgert haben. Das bringt zwar noch nicht den Weltfrieden, aber hey, irgendwo muss man ja anfangen.

Vielleicht gelingt mir dieser transzendale Versöhnungstrip so gut, dass ich am Ende auch den Leuten verzeihen werden kann, die wieder am 23. Dezember auf den letzten Drücker ihre Geschenke kaufen und deshalb die Innenstädte und Straßen in das absolute Verkehrschaos stürzen werden. Friede sei mit Euch auf Euren Wegen, in den Kaufhäusern und bei der Parkplatzsuche.

1 Anmerkung: Ja, ich bin mir der Tatsache bewusst, dass der gute Rutsch nichts mit rutschen zu tun hat. Vielleicht werde ich zum Jahreswechsel hin hier mal die jiddischen Wurzeln dieses Glückwunsches aufdecken.

Geschrieben von Stefan

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