2009 10.12.
Leben

Die Nächte werden länger, die Tage dunkler, die Menschen schwermütiger. Zumindest wenn man mit “Menschen” primär mich meint – und über wen sonst sollte ich hier schreiben… Kurzum: Es ist die perfekte Zeit, über das Leben an sich nachzudenken. Heute: das Ich.

Ich ist in der Krise. Und damit meine ich nicht mich, sondern das Ich an sich. Während Descartes niemals an sich oder seinem Ich zweifelte (cogito ergo sum – ich denke, also bin ich), erklärten Philosophen nach ihm das Ich für tot, für eine Illusion. Humes war ein Vertreter dieser Gattung. Und auch Hirnforscher wollen uns erklären, dass es kein Ich gibt – weil sie keine Region im Hirn finden, die sie mit einem Edding einkreisen und mit “das ICH” beschriften könnten.

Aber wenn etwas nicht zu sehen ist – heißt das automatisch, dass es deshalb nicht existiert?

Diese Frage ist natürlich pikant – zum Beispiel könnte man diese Logik auf die Frage nach der Existenz eines beliebigen Gottes anwenden. Soweit möchte ich gar nicht gehen, ich bleibe erstmal bei einem einfachen, irdischen Beispiel: Wind. Wir können ihn nicht sehen, aber wir wissen, dass er da ist.

Nun könnte man argumentieren und sagen: »Ja, den Wind kann man nicht sehen, aber man kann ihn doch wahrnehmen – wir können ihn auf unserer Haut spüren.«

Das gilt dann allerdings auch für das Ich: Ich kann mein Ich nicht sehen, aber ich kann es spüren. Ich spüre, dass ich ich bin. Wenn ich nicht wäre – wer würde dann das hier schreiben? Und wenn der geneigte Leser kein Ich hätte: Wer würde es dann lesen? (Okay, Eigentor: Es könnte auch sein, dass niemand außer mir das hier liest…)

Vielleicht liegt es am Wort. Psychologen versuchen ja auch krampfhaft, das “Ich” zu vermeiden und sprechen stattdessen vom “Selbst”. Das ist natürlich Wortklauberei, aber man kann dem ja auch einiges hinzufügen… Ich hätte da weitere Alternativen für “Ich” oder “Selbst” im Angebot: “Bewusstsein” zum Beispiel. Oder auch “Leben”, oder gar “Seele” – dass muss ja nicht immer religiös motiviert sein.

Früher glaubten die Menschen ja auch, dass die Seele eines Menschen seinen Körper mit dem Tod verläßt. Und gilt das nicht auch für das Ich? Wenn ein Mensch stirbt, so erschlafft sein Körper; aber der Körper ist noch da. Was unterscheidet also den Toten vom Lebenden? Etwas fehlt – das Leben. Könnte es sich dabei nicht um eben jene Seele, das Bewusstsein beziehungsweise das Ich handeln?

Wir wären also eigentlich schon wieder bei Descartes: Weil ich mich selbst wahrnehmen kann, muss ich existieren. Ich existiere als Ich.

Einen Unterschied gibt es aber zu Descartes: Er glaubte, das Denken – und damit das Ich – wäre ein isolierter Vorgang, losgelöst vom Körperlichen. Ich halte es für eine Einheit und verweise auf den Aspekt mit den Toten: Der Körper ist da, aber nutzlos ohne das Ich (= Leben/Seele/Bewusstsein). Und was würde ein Ich ohne Körper tun, ohne Methoden und Möglichkeiten, sich auszudrücken? Ein Ich ohne Körper wäre isoliert.

Wie wir über die Welt denken, hängt davon ab, was wir davon “wissen”. Wissen ist natürlich streng subjektiv, niemals objektiv, denn Wissen hängt von unserer Wahrnehmung ab. Wir zum Beispiel “wissen”, dass eine Rose rot ist. Ein Hund weiß hingegen, dass die Rose grau ist – denn er nimmt keine Farben wahr, so wie wir. Dafür verfügt er über ein anderes Wissen hinsichtlich des Rosenduftes als wir.

Was wir über die Welt wissen und denken, hängt also davon ab, wie wir die Welt wahrnehmen. Und unsere Wahrnehmung wiederum ist an unseren Körper gekoppelt: das Sehen an die Augen, das Hören an die Ohren, das Schmecken an die Zunge – und so weiter. Ohne Körper keine Wahrnehmung, und damit nichts, was einem körperlosen Ich als Eingang für seinen Input dienen könnte. Ein solches Ich wäre wahrhaft kümmerlich; es hätte nichts, worüber nachzudenken sich lohnen würde, und käme ihm doch einmal ein Gedanke – es hätte keine Möglichkeit, ihn kundzutun. Eine solche “Existenz” wäre sinnlos.

Gehen wir also davon aus, dass Körper und Ich eine Einheit bilden. Damit bliebe noch die Frage, wer “Ich” eigentlich ist. Im Prinzip eine einfache Frage: Wir alle sind Ich. Jeder von uns für sich.

Geschrieben von Stefan

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