2010 01.03.
Nachwuchs

»You are now entering the next phase.«
Wer bisher glaubte, das Zusammenleben mit Kindern werde anfangs in Monate, später dann in Jahre unterteilt – der irrt. Das Leben mit Kleinkindern und speziell mit Säuglingen unterteilt man am besten in Phasen.

Das frappierende an diesen Phasen ist: Man weiß nie so genau, wann sie anfangen und wie lange sie dauern. Natürlich gibt es schon prinzipielle Informationen darüber, aber: Jedes Kind ist anders. Das heißt, dass Beginn und Dauer der Phasen bei jedem Kind ein wenig anders liegen.

Mark hat aktuell wieder eine Phase erreicht, von der die gängige Literatur behauptet, dass in ihr ein großes Gehirnwachstum stattfindet. Das führt zu neuen Möglichkeiten, aber auch zu großen Schmerzen. Und in der Tat: Jammern und klagen steht derzeit ganz oben auf Marks Prioritätenliste. Unglaublich, aber wahr: Diese Tätigkeiten haben sogar das Essen von Platz 1 der Liste gestoßen.

Der Fairness halber sei erwähnt, dass sich beide Tätigkeiten aber auch hervorragend ergänzen lassen. Der Prozess sieht dann – für Informatikter leicht nachvollziehbar – so aus:

WENN Ereignis.Hunger DANN {
MACHE SCHLEIFE
Schritte = Schritte + 1
Schreie()
WENN Schritte >= 10 DANN ErhoeheLautstaerke()
BIS Ereignis.FlascheErhalten

Danach folgt dann ein Algorithmus, der hauptsächlich darin besteht, durch die Gegend zu gucken und ab und an an der Flasche zu nuckeln. Aber wehe, es tritt ein Interrupt (“Flasche rausgezogen”) auf, dann beginnt wieder die Schleife mit dem Schreien.

Vielleicht sollte ich jetzt kurz erklären, warum eine solch schmerzhafte Phase des Gehirnwachstums überhaupt notwendig ist. So lästig diese Phase sich auch manchmal darstellt – sie ist ein absolutes Unterscheidungsmerkmal zwischen dem Mensch und anderen Lebewesen diesen Planeten.

Ich kann nicht behaupten, ob der Mensch wirklich das klügste Lebewesen der Erde ist – einige Zeitgenossen tun ja ihr möglichstes, um diesen Eindruck zu zerstreuen [siehe: Krieg, Diktatur, schwarz-gelbe Regierung] -, aber mit Sicherheit hat der Mensch das in Relation zur Körpergröße größte Gehirn.

Irgendwann im Laufe unserer Evolution gab es einen gewaltigen Sprung. Damals trat gewissermaßen die gesamte Menschheit in diese Hirnwachstumsphase ein – und unsere Hirne legten gewaltig an Größe zu. Bis heute ist ungeklärt, welche genauen Einflüsse dazu geführt haben. Was wir wissen, ist folgendes:

Der Mensch wird “unfertig” geboren. Im Gegensatz zu anderen Säugern kann unser Nachwuchs bei der Geburt z. B. nicht gehen (Giraffen wiederum können, Elefanten auch – die erlernen das Laufen im Mutterleib). Unsere Sprösslinge sind also sehr hilfsbedürftig (vielleicht erklärt das auch das Kindchen-Schema), sie sind viel stärker auf den Schutz der Eltern angewiesen als der Nachwuchs anderer Spezies’.

Ich hatte schon die Elefanten erwähnt: Die lange Tragzeit der Elefanten hat mitnichten etwas damit zu tun, dass der kleine Elefant so lange braucht, um körperlich heranzureifen. Tatsächlich geht die zweite Hälfte der Tragzeit für das Training des kleinen Elefantenhirns drauf: Der Minifant lernt noch im Mutterleib das Laufen.

Warum ist das beim Menschen nicht so? Wieso wird unser Nachwuchs zwar früher, dafür aber unfertig geboren? Wo ist da der Vorteil?

Kurzum: Es macht uns intelligenter. Der Minifant im Mutterleib lernt einige Dinge, aber sein Gehirn reift mit nur wenig sensorischem Input heran – eben das, was er im Mutterleib erlebt und erfühlt.

Unser Nachwuchs wird mit einem nicht vollständig ausgereiften Gehirn geboren. Der Reifungsprozess geht bis circa zum 1. Geburtstag weiter. In dieser Zeit haben die Babys ausreichend Gelegenheit, die Welt um sich herum kennenzulernen und zu entdecken. Wir reifen mit einem weitaus größeren sensorischen Input heran – unsere Hirne werden nach der Geburt noch ein Jahr lang förmlich mit Input bombadiert, während sie reifen.

Ich glaube ja, dass es pure Absicht ist, dass Babys die erste Zeit nach der Geburt nicht weiter sehen können als 30 Zentimeter. Das schränkt für den Anfang den Input ein – nach und nach erweitert sich dann das Wahrnehmungsfeld, immer mehr Informationen können – und müssen – verarbeitet werden.

Unsere Erwachsenen-Gehirne haben sich längst darauf eingestellt, aus dem Input, der auf uns einstürzt, nur das wesentliche herauszufiltern. Babyhirne müssen das erst noch lernen – und vielleicht erklärt das, warum diese Phasen so schmerzhaft sind. Aber es dient ja einem höheren Ziel.

Außerdem hat man als Eltern immer die ultimative Ausrede parat, wenn mal etwas nicht so läuft, wie es laufen soll. Es ist dieser magische Satz, mit dem man sich gegenseitig versichern kann, dass alles in Ordnung ist:

Es ist NUR eine Phase!

Geschrieben von Stefan

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