Nach den gerade bekannt gewordenen Missbrauchsfällen der letzten Zeit – zuletzt kam die Odenwaldschule in die Presse – bricht bei unseren Politikern mal wieder der blinde Aktionismus aus. Aber: Ist den Opfern mit hanebüchenen Ideen wirklich zu helfen?
Die Familienkristina Schröder und die Bildungsanette Schavan – pardon: Familienministerin Kristina Schröder und Bildungsministerin Anette Schavan (beide CDU) – haben jetzt eine ganz tolle Idee: Sie laden ein. Und zwar zu einem runden Tisch.
Runde Tische – das weiß man – sind der Heilige Gral der Diskussionsrunden. Weil ja der “runde” Tisch schon in der Diskussions-“Runde” drinsteckt. Außerdem – und das ist der viel entscheidendere Punkt – gilt auch hier einer der hehren Management-Grundsätze:
Und wenn man nicht mehr weiter weiß, macht man einen Arbeitskreis.
Ein Kreis ist rund, der Tisch auch – wir haben eine Übereinstimmung! Beste Voraussetzungen also, um völlig hirn- und sinnfrei Maßnahmen in die Welt zu posaunen. Wie sich das anhört, wenn Politiker sich im Vorfeld zu einem solchen Ereignis warmlaufen? Na, zum Beispiel so:
Da wird dann lautstark gefordert, man sollte Lehrer einem “Eignungstest” unterziehen. Gemeint ist damit leider nicht die fachliche und methodische Eignung, überhaupt einen Lehrberuf ausüben zu dürfen, nein: Es geht um einen Pädophilie-Test. Ein Test also, mit dem man künftig Pädophile vorab erkennen möchte, damit man ihnen erst gar nicht erlaubt, Lehrer zu werden. Neu ist die Forderung nicht: Der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnen-Verband (sic!), kurz BLLV, hat das schon im August 2009 gefordert. (In der Tat erwarte ich sogar, dass Zensursula am Runden Tisch Platz nehmen wird, um uns allen zu erklären, dass diese Missbrauchsfälle MIT einer Internet-Zensur NIEMALS stattgefunden hätten.)
Tolle Sache, so ein Test: Wir brauchen nur einen 100 %ig zuverlässigen Test, mit dem wir Pädophile erkennen können – dann können wir unsere Schulen davon befreien! Und wo wir doch grade dabei sind: Für Kindergärtner/innen sollte man sowas doch auch durchführen. Für Priester natürlich auch, und für Kinderärzte, Säuglingsschwestern, Hebammen… eben für Jeden, der beruflich mit Kindern zu tun hat.
Aber hey! Lasst uns doch visionär denken. Ich fordere: Tests für Alle!
Sehen wir doch mal den Tatsachen ins Auge: Beim Missbrauch von Schülern, Minestranten oder sonstwie Schutzbefohlenen handelt es sich ja AUCH um einen Missbrauch von Macht. Und ein Test, der eine Neigung zum Machtmissbrauch aufdeckt – also, DAS wäre wirklich toll!
So einen MISbrauchs-Test – kurz: MIST – könnten doch auch unsere Politiker gut vertragen. Vor Antritt eines Amtes müssen sie den Test niederlegen und beweisen, dass sie nicht vorhaben, die Macht ihres Amtes zu missbrauchen – zum Beispiel, indem sie Hotelbetten gegen Spenden subventionieren oder Unternehmer gegen Spenden in die Entourage einer Delegation bei einem Auslandsbesuch mitnehmen.
Hui – ob die derzeitige Regierung das unterstützen würde?
Nachtritt:
So sehr ich mich auch hier über den Aktionismus der Beteiligten ärgere (und sie auch verspotte), ist es mir doch wichtig klarzustellen, dass mein Hohn nicht den Opfern gilt – ganz im Gegenteil. Was ihnen widerfahren ist, ist schlimm – und deshalb hoffe ich sehr, dass neben dem Ausbrüten dumpfer Ideen die Gerechtigkeit nicht vergessen wird. Mögen die Täter ihrer gerechten Strafe zugeführt werden – je schneller, desto besser. Zur Abwechslung stimme ich mit Frau Leutheusser-Schnarrenberger überein: Es sollte einen Ausgleich in Form von Geld geben. Nicht, dass man damit etwas ungeschehen machen könnte, aber Geldzahlungen sollte man den Verantwortlichen – nebst Haftstrafen – trotzdem auferlegen. Es wäre zumindest eine zusätzliche Entschädigung.
Liebe Politiker, liebe Frau Leutheusser-Schnarrenberger: Wenn ihr wirklich etwas verbessern wollt, dann fangt doch bei den Verjährungsfristen an – sowohl bei den zivil- als auch bei den strafrechtlichen Fristen gibt es hier Spielraum für Verbesserungen. Das wäre ein guter Anfang.

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