Oiocaras ist meine Fantasy-Online-Fortsetzungsgeschichte. Dies ist der Prolog, in dem der geneigte Leser erfährt, was es mit Oiocaras auf sich hat. Er erfährt ein wenig über die “Ewige Stadt”, und hier wird der Grund gelegt für die Geschichten, die noch kommen werden.
An der Mündung des blauen Flußes ins große Meer liegt Oiocaras, die größte und berühmteste Stadt des Kontinents Alantis. Sie erstreckt sich östlich davon, und ihre verschlungenen Wege erheben sich über 11 Ebenen hoch in den Himmel. Sie ist nicht nur die größte, sondern auch die älteste Stadt der bekannten Welt. Wie alt weiß niemand – und um der Wahrheit die Ehre zu geben: Den meisten Bewohnern der Stadt ist das auch ziemlich egal. Sie sind froh, ein Dach über dem Kopf zu haben und eine Arbeit, die sie ernährt – vorausgesetzt, sie finden den Weg zu ihrem Arbeitsplatz. Das ist nicht immer so ohne weiteres der Fall.
Oiocaras ist die wohl außergewöhnlichste Stadt, die je gebaut wurde. Errichtet wurde sie von den Yalumeas – einer längst ausgestorbenen Rasse, von deren Existenz nur die wenigstens wissen. Nur eine Handvoll Historiker auf dem ganzen Kontinent beschäftigen sich überhaupt mit diesem Volk, das schon vor Jahrtausenden vom Antlitz der Sonne verschwand. Was sie wissen, ist nicht viel, denn es stammt von alten und kaum erhaltenen Runenfragmenten. Im Prinzip hat dieses Volk nur zwei Dinge hinterlassen: Oiocaras – und die Yalumendur, ihre stummen und magischen Diener, die auch heute noch die Stadt pflegen. Diese kleinen, grünhäutigen Wesen mit vier Armen und ihren großen Augen und Ohren haben keinen Mund, und sie haben ihre Herren gleichgültig überdauert. Es scheint sie nicht zu stören, dass die Stadt längst von Menschen und anderen Rassen aller Art bevölkert wird – ihre einzige Sorge gilt der Erhaltung der Stadt. Sie kümmern sich sonst um nichts. Aber immerhin kann man sie nach dem Weg fragen – und das ist oft genug mehr als notwendig.
Man nennt Oiocaras nicht umsonst die Stadt der Tausend Wege – denn Tausend Wege führen von A nach B. Allerdings existieren diese Wege nicht zur gleichen Zeit, keinesfalls. An einem Tag mag es nur zwei unterschiedliche, sinnvolle Routen zwischen diesen beiden Punkten geben – am nächsten Tag könnten es schon drei Routen sein. Drei mögliche Wegstrecken, von denen keine etwas mit den beiden Strecken des Vortages zu tun hat, die nun nicht mehr existieren.
Das liegt an der besonderen Bauweise von Oiocaras: Jedes Viertel ist auf einer Plattform errichtet, die nachts – immer zur Mitte der Nacht – von den Yalumendur neu positioniert werden. Keiner weiß, warum sie das tun, und alles betteln und flehen hat nichts gebracht – die stummen Diener verrichten sturr ihr Werk. Das bedeutet, dass man in dieser Stadt nie weiß, wo man morgens aufwacht. Natürlich ist das Haus und das Viertel das gleiche – aber vielleicht war das Wohnviertel am Vorabend noch auf der siebten Ebene am Ostrand der Stadt, und beim Aufwachen genießt man den Strandblick der untersten Ebene nach Norden raus aufs große Meer.
Das begehrteste Wohnviertel ist das Hafenviertel – ein Paradoxum im Vergleich zu jeder anderen, größeren Stadt. Aber in Oiocaras ist dieses Viertel das einzige, dessen Position fest bleibt – unterste Ebene der Stadt, Westrand. Direkt am blauen Fluss. Wo anders ergäbe das Hafenviertel auch keinen Sinn. Es gilt daher als das Herz der Stadt. (In den Tavernen erzählt man sich, dass die Yalumendur auch das Hafenviertel verlegen würden, wenn sie nur wüssten, wie sie den Fluss bewegen könnten. Das soll ein Witz sein, über den gerne gelacht wird; die Leute haben jedoch keine Ahnung, dass vor vielen Tausenden Jahren die Yalumenas, die Erbauer der Stadt, genau an dieser Aufgabe verzweifelten.)
Oiocaras ist so außergewöhnlich, dass diese Stadt als einzige freie Stadt des ganzen Kontinents gilt. Sie liegt an der Nordspitze der Landmasse – der nördlichste Punkt. Südlich davon erstrecken sich Königreiche und Grafschaften, Stammesgebiete und Sümpfe, weite Grasländer, öde Steppen – bis hinunter zur unwirtlichen Wüste am Südende Alantis’. Manche Länder führen Krieg gegeneinander, gehen Bündnisse ein, legen sich zusammen, teilen sich wieder – was immer den Machthabern gerade in den Sinn kommt. Den Bewohnern von Oiocaras ist das egal – solange die Handelsbeziehungen nicht gestört werden. Gäste sind willkommen, ihr Gold ohnehin, die Gesetze sind liberal. Kein Wunder, dass diese Stadt über die Jahrhunderte hinweg auch immer wieder Gestalten angezogen hat, die nicht ganz so viel von ehrlicher Arbeit halten.
Und dann sind da natürlich noch die Schatzsucher… In Oiocaras gibt es einige alte Gebäude – manche davon nehmen ein ganzes Viertel ein -, in denen beträchtliche Schätze lagern sollen. Artefakte aus der alten Zeit, der Gründerzeit. Es sind Gebäude, die das Herz eines jeden Grabplünderers höher schlagen lassen – und die doch noch niemand betreten hat. Oder wenn doch, so hat er sie zumindest nicht mehr verlassen, um davon zu erzählen. Es heißt scherzhaft, dass diese alten Gemäuer die Diebe von den Straßen holen und sie ihrer gerechten Strafe zuführen. Wie bei den meisten Scherzen steckt auch hier ein bitterer Schuss Wahrheit mit drin: Tatsächlich haben viele Abenteurer und Diebe ihr Ende in Oiocaras bei dem Versuch gefunden, alte Schätze zu bergen.
Aber es gibt einen Mann, der sich davon nicht abbringen lässt. Er ist ein Abenteurer vom alten Schlag und auf seinem Weg nach Oiocaras, um Schätze zu finden. Dann ist da noch dieser Zwerg mit einer Vergangenheit, die ihn nicht ruhen lässt. Er kann dem Ruf des Goldes nicht entgehen. Den Ruf des Alters hingegen hört ein alternder Barbar, einst ein strahlender Held vieler Geschichten, jetzt beseelt von dem Gedanken, alles zu tun, um den Beweis anzutreten, dass er noch nicht zum alten Eisen gehört.
Werden Sie Ruhm und Reichtum finden? Die Zeit wird es zeigen. Dies sind ihre Geschichten.